Kaliberportrait: 6,5x55 Schweden Mauser
Von Siegfried Pieper am 22. Februar 2015

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Moin Moin bei Geartester,

das letzte Portrait zur .270 WSM hat Spaß gemacht und deshalb stelle ich heute hier und jetzt gern, das von mir am meisten genutzte Kaliber vor, die 6,5x55. Auch hier gilt: Ich schildere euch meine Erfahrungen von Schießstand und Jagd, so dass ihr prüfen könnt, ob diese Patrone für euch evtl. in Frage käme.



Geschichte:

Die Militärpatrone, welche bereits 1894 (!!!) als Ordonanzpatrone in Schweden und Norwegen eingeführt wurde, hat eine entsprechend lange und bewegte Historie. Der Siegeszug begann mit der offiziellen Einführung als Standardkaliber für die bekannten Schweden Mauser (Modell 96) sowie Krag-Jorgensen Repetierer. Schon bald gab es aber auch eine sportliche und jagdliche Verwendung in ganz Skandinavien. Die Vielzahl an jagdlichen Geschossen, kurz nach der Einführung macht deutlich, dass man das klassische Militärkaliber schnell als optimales Mittelkaliber zur Jagd hoch im Norden entdeckte. Was im Norden somit seit mehr als 100 Jahren bekannt ist, setzt sich im deutschsprachigen Raum langsam etwas durch. Natürlich haben gerade die Deutschen einen Hang zu allem, was Magnum heißt oder soviel Geschossgewicht bietet, wie eine halbe Tafel Schokolade, dennoch sieht man die Patrone erfreulicher Weise mehr und mehr...

Ballistik:
Die Patrone ist, um es in einem Satz zusammen zu fassen, die ausgewogenste und vor allem präziseste Mittelkaliberpatrone, die ich je geschossen habe. Es ist eine sehr hohe Anzahl an Geschossen in unterschiedlichsten Gewichten verfügbar. Hier meine getesteten Favoriten aus 18 Jahren 6,5x55:

  1. Lapua FMJ 100 grain (6,5g) = 900 m/sec (Sehr leichtes Sportgeschoss für günstiges Training. Vorsicht mit dem Drall des Laufes. Kann instabil fliegen wenn nicht passend. Jagdlich geeignet für Raubwild auf weite Flächen)
  2. Norma FMJ 120 grain (7,8g) = 820 m/sec (Günstiges und rückstoßarmes Geschoss für den sportlichen Einsatz. Die Norma Rekrut ist nicht immer in Deutschland zu haben, aber wenn zuschlagen...)
  3. Norma Ballistic Tip 120 grain (7,8g) = 860 m/sec (Eine gute Laborierung wenn es auf leichteres Wild und schnell gehen soll. Gut für Rehwild oder weite Distanzen. Die Wildbretentwertung ist aber Ballistic Tip typisch etwas höher als bei der ansonsten sehr wildbretschoenden 6,5 Familie.)
  4. Norma Golden Target 120 grain (7,8g) = 860 m/sec (Die beste Matchpatrone. Sie ist ultra präzise und der Diamond Line auf Weiten von 300m insofern überlegen, das sie nicht beschichtet ist. Sie lässt sich also sehr gut mit anderen Tombakmantel Geschossen abwechselnd verwenden.)
  5. Norma Nosler Partition 140 grain (9,1g) = 820 m/sec (Beste Laborierung für schweres Wild. Hier geht alles bis mittlere Sauen und Rotwild sehr schnell auf den Boden. Ausschusswahrscheinlichkeit ist sehr hoch!)
  6. RWS Doppelkern 140 grain (9,1g) = 870 m/sec (Die beste Laborierung von allen. Höchste Präzision trotz komplexem Geschossaufbau und beste Augenblickswirkung. Eignet sich auch bis mittelstarkes Rotwild oder Sauen. Die Augenblickswirkung ist höher als bei der Partition, insbesondere bei schwachem Rehwild. Auf die Distanz ist die Ausschusswahrscheinlichkeit besser als auf kurze Entfernung, hier droht zu starkes Anstauchen des Heckkernes. Achtung: Die ballistischen Daten sind im überlangen Lauf ermittelt worden, um den Energieanforderungen aus Skandinavien zu genügen: Die Realität liegt bei 820 m/sec. Details zum Geschoss findet ihr hier: LINK zum DK Test bei Geartester
  7. Norma Oryx 156 grain (10,1g) = 780 m/sec (Die wohl meistverkaufteste Patrone in 6,5x55. Hier drauf schwören die Skandinavier. Die Deformation ist zuverlässig und wildbretschonend. Für mich etwas zu hart, da die Stücke oft noch etwas laufen. An sich nicht schlimm aber bei Schüssen um 150m schon etwas irritierend. Sehr gut für die Waldjagd.)
  8. Lapua Mega 156 grain (10,1g) = 760 m/sec (Einfache aber wirksame Teilmantel konstruktion aus Finnland. Das Mega überzeugt vor allem auf mittlere Distanzen. Auf weite etwas schwer und wegen des miesen BC-Wertes braucht man ein Zielfernrohr mit Absehenschnellverstellung, um dies auszugleichen.)
  9. GECO Teilmantel 156 grain (10,1g) = 780 m/sec (Die deutsche Antwort auf die Lapua Mega und das Norma Alaska mit ähnlicher Charakteristik als Standard Teilmantel Konzept. Der BC ist relativ schlecht aber die Brauchbarkeit auf mittlere Distanz sehr gut. Auf kurze Distanz ist die Entwertung recht hoch und auf die Distanz fällt sie vom Himmel. Alles in allem eine günstige Waldjagdpatrone.)

Was bedeutet das für die Praxis? Die 6,5x55 bietet eine enorme Bandbreite an Geschossen mit unterschiedlichen ballistischen Eigenschaften. Grundsätzlich wird sie aber hierzulande regelmäßig in Punkto Rasanz unterschätzt. Sie ist jagdlich wie auch sportlich (Die oben aufgeführten Teilmantel und das Norma Oryx mal höflich ausgenommen) für stattliche Weiten brauchbar. Als Beleg hierfür, ein Blick auf die Außenballistik der Diamond Line Feld:

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Zur Präzision der Patrone ist folgendes zu sagen: Meiner Erfahrung nach, schießt die 6,5x55 mit einem Standarddrall mit den 130 bis 156 grain Geschossen am besten. Präziseste Patrone, die ich je schoss, ist erstaunlicherweise das RWS Doppelkern. Diese schlug aus einer Blaser R8, einer Schultz und Larsen, einer Mauser M03 sowie einer Sauer 202 verschiedene Lose der Norma Diamond Line oder Golden Target. Hier ging es nur um Millimeter, aber ich finde es schon erstaunlich. Das jagdliche Teilzerlegungsgeschoss hält aus allen genannten Waffen ohne Probleme die 45mm auf 300m. Ich bin jedes Mal wieder begeistert. Alles in allem habe ich aber nie wirklich schlecht schießende Patronen getestet. Ausgenommen billigster Militärrestposten, ist alles brauchbar geflogen. Ein absolutes Plus dieses Kalibers, neben der internationalen Verfügbarkeit relativ günstiger Munition.
Ein weiteres Plus ist das angenehme Schussverhalten. Wer keine Freude daran hat, sich bei jedem Schuss einen um die Ohren geben zu lassen, wird begeistert sein. Der Rückstoß ist gering und eher schiebend als tretend. Muckenden Bekannten, konnte die 6,5x55 die Freude am Schießen zurückgeben. Wer mit Rückstoß so seine Probleme hat, sollte sich bekehren lassen.

Jagd:
Die 6,5x55 ist für alles mittelstarke Wild bestens geeignet. Selbst Elche kommen zuverlässig zu Strecke, was die Patrone seit 1894 regelmäßig beweist. Keine andere Patrone sollte mehr Elchwild zur Strecke gebracht haben, als die hier vorgestellte. Ich persönlich jage mit der 6,5 als meine absolute Standardpatrone auf alles heimische Wild. Nur in Ausnahmefällen greife ich zu stärkeren Kalibern - in der Regel nur für Drückjagden... Meine häufigste Beute sind - wie bei den meisten von euch auch - Rehe und Sauen. Hinzukommen gelegentlich Rotwild oder Füchse. Gerade bei Rehwild, Überläufern, Kälbern oder Schmaltieren ist die Patrone in ihrem Element: Das Doppelkern sorgt für hohe Augenblickswirkung bei extrem geringer Wildbretentwertung. Verfügbare Verbundgeschosse wie das Norma Oryx sind noch ein wenig schonender, jedoch bei abnehmender "Knock-Down-Power". Für Fleischjäger eine optimale Wahl, ohne mir bekannte Konkurrenz.

Fazit:
Die Patrone ist optimal für Fleischjäger mit Präzisionsfimmel. Die 6,5x55 ist für alle, die vorwiegend auf mittelstarkes Wild jagen, eine hervorragende Wahl. Für Jäger die, die rückstoßempfindlich sind und auf Wildbret achten eine Top Patrone. Ich möchte nicht missionieren, aber es möge auch hierzulande der Tag kommen, das man auch Patronen kleiner 9,3mm die Erlegung von Sauen zutraut, oder das ein Geschoss unter 1.100 m/sec für rotwildtauglich erachtet wird. Natürlich hat die 6,5x55 Grenzen aber diese liegen abseitz des alltäglichen...

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Kommentare

Hans Forstmann

Jetzt steht sie da, die neue 6,5x55!! Ich konnte nicht mehr anders, nachdem ich das hier lass...
Danke und *%$§!!"(+ gleichzeitig ;-)

Carlos Sparyhawk

So meine steht nu auch da ... nen WL für die Blaser R8 aber ich glaub ich bin missioniert.

Christian Barthel

Gibt es Erfahrung mit dem Norma Vulkan in 6,5x55? Und wie ist es mit Bleifrei, z.B. Lapua Naturalis oder auch das Hornady GMX?

Christian Barthel

Schade, dass die Diskussion hier offenbar schon wieder eingeschlafen ist. Dabei ist ein so toller Bericht.

Stöberdackel

@Christian Barthel
Ich schoss in den vergangenen zwei Jahren auf der Einzeljagd ca.150 Stück Wild mit der 6,5x55SE und der Laborierung Sako Powerhead II 7,8gr.

Die Waffe ist eine Blaser R8 Professional Semi Weight mit gefluteten 58cm Lauf, ausgestattet mit MagnaPort.
Das darauf montierte ZF ist ein Zeiss-HT 3-12x56.

Die Strecke teilt sich etwa auf 70 Rehe, 20 Sauen, 10 Rotwild, 5 Gams, 15 Fuchs/Dachs/Waschbären auf.

Die Schussdistanzen beliefen sich auf 15m (angepirschter Überläufer auf Weizenstoppeln) bis gemessene 284m (Gamsjährling mit Laufverletzung)!
Durchschnittlich würde ich aufgrund der Revierverhältnisse in meinen beiden Revieren, ca.130m als Hauptdistanz nennen.

Die Präzision war und ist in der oben genannten Laborierung, sehr beeindruckend.
Die Wirkung war allerdings (bei stets gleichbleibender geringer Wildbretentwertung) sehr Unterschiedlich. (aber der Wachtelhund bleibt im Training)

-Rehwild/Gamswild:
Bei Schüssen aufs Blatt i.d.R. im Feuer
Bei Schüssen hinters Blatt sind Fluchtdistanzen zwischen 30-100m mit wenig Schweiß normal.
Ausschuss fast immer vorhanden.
-Schwarzwild (schwerstes Stück 145kg):
Kein Stück ging (Schuss im Leben vorausgesetzt) weiter als 50m.
Jedoch wieder sehr wenig Schweiß und andere Schusszeichen.
Ausschuss sehr unterschiedlich.
Soll heißen...
Mal hatte ein 50kg Überläufer auf 100m einen ca zwei Euromünzen großen Ausschuss,
mal hatte ein 30kg Frischling mit vergleichbaren Schuss und vergleichbarer Schussentfernung keinen.
Ich halte aber die lediglich 20 Stück nicht gerade für richtungsweisend.
-Rotwild (allerdings nur Schmaltiere/Schmalspießer/Kälber):
Verhalten wie Schwarzwild
-Raubwild:
Ohne größere Balgentwertung i.d.R. im Feuer.

Ich hoffe, ich konnte etwas Infos rüber bringen,
Gruß und Waidmannsheil

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