Jungjägerausrüstung: Kauft am Anfang weniger!

wildes_holstein
10 Min. Lesezeit

Die Jägerprüfung ist bestanden, der Jagdschein gelöst und jetzt fehlt eigentlich nur noch die komplette Ausrüstung. Büchse, Zielfernrohr, Fernglas, Wärmebildkamera, Messer, Entfernungsmesser und natürlich die passende Kleidung für jede erdenkliche Jagdart.

Zumindest denkt man das am Anfang.

Mit etwas Jagdpraxis würde ich heute vieles anders angehen. Nicht, weil meine damaligen Kaufentscheidungen grundsätzlich falsch waren. Sondern weil man als Jungjäger noch gar nicht wissen kann, was einem später bei der eigenen Jagd wirklich wichtig sein wird.

Mein Rat an Jungjäger lautet deshalb heute: Kauft am Anfang weniger und sammelt erst einmal Erfahrung.

 

Die erste Jagdwaffe muss keine Traumwaffe sein

Bei kaum einem anderen Thema kann man als Jungjäger so schnell so viel Geld ausgeben wie bei Büchse und Zielfernrohr.

Natürlich macht es Spaß, sich die erste eigene Waffe zusammenzustellen. Man liest Tests, schaut Videos und vergleicht Systeme und Optiken. Irgendwann hat man eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was die perfekte Büchse können muss.

Nur hat man zu diesem Zeitpunkt möglicherweise noch kaum damit gejagt.

Erst in der Praxis merkt man, welche Eigenschaften tatsächlich wichtig sind. Stört mich eine schwere Waffe? Möchte ich einen kurzen Lauf? Wie wichtig ist mir eine Handspannung? Welche Schaftform liegt mir wirklich? Welche Vergrößerung nutze ich beim Zielfernrohr tatsächlich?

Deshalb würde ich heute für den Einstieg eher nach einer soliden gebrauchten Büchse mit brauchbarer Optik schauen, statt sofort mehrere Tausend Euro in die vermeintliche Traumkombination zu investieren.

Damit kann man jagen, Erfahrungen sammeln und irgendwann ziemlich genau sagen, was die nächste Waffe können soll.

Und genau dann lohnt es sich meiner Meinung nach, richtig Geld auszugeben.

 

Wärmebildtechnik? Nicht sofort

Wärmebildkameras sind mittlerweile für viele Jäger selbstverständlicher Bestandteil der Ausrüstung. Die Technik bietet enorme Vorteile beim Auffinden und Beobachten von Wild.

Trotzdem gehört sie für mich nicht zwingend zur ersten Jungjägerausrüstung.

Schon die Frage nach dem richtigen Gerät ist für einen Anfänger schwer zu beantworten. Brauche ich 384 oder 640 Pixel? Wie wichtig ist mir ein großes Sehfeld? Welche Erkennungsreichweite brauche ich tatsächlich? Soll das Gerät möglichst kompakt sein oder steht die Bildqualität über allem?

Wer seine eigene Jagdpraxis noch gar nicht kennt, kann diese Fragen kaum sinnvoll beantworten.

Dazu kommt für mich ein weiterer Punkt: Gerade am Anfang schadet es nicht, Wild zunächst klassisch suchen und beobachten zu lernen. Mit dem Fernglas schauen, Bewegungen wahrnehmen und mit der Zeit ein Gefühl dafür entwickeln, wo Wild steht und wie es sich verhält.

Wärmebildtechnik kann später dazukommen. Und dann weiß man meistens auch wesentlich besser, welches Gerät zur eigenen Jagd passt.

 

Beim Fernglas würde ich nicht sparen

Ganz anders sieht es für mich beim Fernglas aus.

Ein vernünftiges Fernglas gehört für mich von Anfang an zur jagdlichen Grundausstattung. Nicht nur wegen der optischen Leistung, sondern auch aus Sicherheitsgründen.

Das Zielfernrohr ist kein Fernglas.

Wild oder irgendwelche vermeintlichen Bewegungen mit dem Zielfernrohr zu beobachten, bedeutet gleichzeitig, die Waffe in diese Richtung zu halten. Genau dafür haben wir ein Fernglas.

Gerade als Jungjäger verbringt man außerdem viel Zeit mit Beobachten und Ansprechen. Dabei sammelt man Erfahrung, selbst wenn am Ende überhaupt kein Schuss fällt.

Das Fernglas muss deshalb nicht zwangsläufig das teuerste Modell im Laden sein. Es sollte aber gut genug sein, dass man es gerne und häufig benutzt und auch bei schlechter werdendem Licht noch vernünftig damit beobachten kann.

 

Entfernungsmesser: lieber wissen als schätzen

Auch einen Entfernungsmesser würde ich relativ früh anschaffen.

Entfernungen richtig einzuschätzen ist schwieriger, als man zunächst denkt. Besonders auf großen Flächen, bei wechselndem Gelände oder ohne bekannte Referenzpunkte kann man schnell deutlich danebenliegen.

Mit zunehmender Jagdpraxis wird das eigene Gefühl dafür besser. Gerade als Jungjäger fehlt diese Erfahrung aber naturgemäß noch.

Vor einem möglichen Schuss möchte ich deshalb nicht glauben, dass ein Stück ungefähr 120 Meter entfernt steht. Ich möchte es wissen.#

Ein Entfernungsmesser liefert diese Information innerhalb weniger Sekunden.

Wer ohnehin ein gutes Fernglas kaufen möchte und über das entsprechende Budget verfügt, kann natürlich direkt über ein Modell mit integriertem Entfernungsmesser nachdenken. Ansonsten erfüllt auch ein separates Gerät seinen Zweck.

 

Das große Abfangmesser kann warten

Zur klassischen Vorstellung eines Jägers gehört irgendwie auch ein großes Jagdmesser.

Aber braucht man als Jungjäger sofort ein spezielles Abfangmesser?

Ich würde heute sagen: nicht unbedingt.

Natürlich gibt es jagdliche Situationen, in denen ein geeignetes Abfangwerkzeug sinnvoll oder erforderlich sein kann. Ob diese Situationen in der eigenen Jagdpraxis tatsächlich regelmäßig auftreten, weiß man am Anfang aber häufig noch gar nicht.

Für den Einstieg halte ich ein gutes, universell einsetzbares Jagdmesser deshalb für wichtiger.

Wenn man später feststellt, dass ein spezielles Abfangmesser für die eigene Jagdart sinnvoll ist, kann man immer noch gezielt eines kaufen.

Das gilt übrigens für erstaunlich viele Dinge in der Jagdausrüstung.

 

Nicht für jede Jagdart eine eigene Garderobe

Bei Jagdbekleidung funktioniert das Marketing hervorragend.

Ansitzjacke, Pirschjacke, Winterjacke, Sommerhose, Regenhose, Drückjagdjacke und natürlich noch etwas besonders Leichtes für warme Tage.

Irgendwann hat man für nahezu jede Wetterlage und Jagdart eine eigene Kombination im Schrank.

Das kann mit zunehmender Jagdpraxis durchaus sinnvoll sein. Als Jungjäger würde ich heute aber deutlich einfacher anfangen.

Ein paar vernünftige Kleidungsstücke und ein funktionierendes Schichtsystem decken bereits sehr viele Situationen ab.

Denn auch hier gilt: Erst nach einiger Zeit weiß man, wie die eigene Jagd tatsächlich aussieht.

Wer hauptsächlich ansitzt, stellt andere Anforderungen an Kleidung als jemand, der viel pirscht. Wer häufig auf Bewegungsjagden unterwegs ist, braucht wieder etwas anderes. Und wer viel Revierarbeit macht, wird möglicherweise feststellen, dass seine teuerste Jagdhose dafür viel zu schade ist.

Erst jagen, dann spezialisieren.

 

Wo sollte ein Jungjäger sein Geld investieren?

Meine persönliche Priorität würde heute anders aussehen als direkt nach der Jägerprüfung.

Ich würde zunächst dafür sorgen, dass ich sicher und vernünftig jagen kann. Dazu gehören für mich eine zuverlässige Büchse mit brauchbarer Optik, ein gutes Fernglas, ein Entfernungsmesser, ein vernünftiges Messer und funktionale Kleidung.

Damit kommt man erstaunlich weit.

Wärmebildtechnik, spezialisierte Kleidung, besondere Messer und irgendwann auch die hochwertige Wunschwaffe können nach und nach dazukommen.

Vor allem würde ich einen Teil des Budgets bewusst zurückhalten.

Denn nach einem oder zwei Jahren Jagdpraxis hat man etwas, das man beim ersten Besuch im Jagdgeschäft noch nicht kaufen konnte: Erfahrung.

Plötzlich weiß man, warum die nächste Büchse leichter oder kürzer sein soll. Warum man bei der nächsten Wärmebildkamera ein größeres Sehfeld möchte. Warum einem bei der Jacke Geräuschentwicklung wichtiger ist als irgendein anderes Ausstattungsmerkmal.

Dann kauft man nicht mehr nach Datenblatt.

Man kauft nach den eigenen Anforderungen.

 

Fazit: Die beste Jungjägerausrüstung wächst mit der Erfahrung

Wer gerade seinen Jagdschein bestanden hat, muss nicht sofort vollständig ausgestattet sein.

Im Gegenteil: Ich würde heute ganz bewusst Lücken lassen.

Eine gebrauchte Büchse kann für den Einstieg vollkommen ausreichen. Wärmebildtechnik muss nicht sofort sein. Das spezielle Abfangmesser kann warten und niemand braucht vom ersten Jagdtag an Kleidung für jede denkbare Situation.

Ein vernünftiges Fernglas und einen Entfernungsmesser würde ich dagegen früh anschaffen. Beide helfen dabei, Situationen besser einzuschätzen und Entscheidungen auf einer vernünftigen Grundlage zu treffen.

Alles andere darf mit der eigenen Jagd wachsen.

Denn eines ist ziemlich sicher: Geld für Jagdausrüstung auszugeben, fällt auch später noch leicht genug.

Der Unterschied ist nur, dass man dann weiß, wofür.

Find' ich gut!

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