Nachsuche Jagd mit Wärmebildkamera Guide IR510P (IR-Kamera, Infrarot-Kamera) - Test, Erfahrungen
Von Carl M. Lidl am 25. Mai 2016

Anzeige

Ergänzend zum Artikel von Sven zum Guide IR510P hier meine persönlichen Erfahrungen aus der Jagdpraxis mit der Wärmebildkamera Guide IR510P.

Wozu eine Wärmebildkamera? Ausgangssituation.
Ich bin selbst Jäger und kann berufsbedingt (Bürojob) leider keinen Jagdhund halten. Da ich oft Abends - oft erst im letzten Büchsenlicht - Rehwild erlege, stand ich wiederholt vor folgendem Problem: ich bin gut abgekommen, der Schuss hat gesessen, trotzdem ist das Reh noch einige Meter in den angrenzenden Wald geflohen und dort irgendwo im Dickicht zusammengebrochen. Das waren immer so um die 20m - 70m. Trotzdem ist es im dunklen Wald oft unmöglich, das Stück zeitnah zu finden. Jeder Jäger kann mir nachfühlen, was das dann für ein scheußliches Gefühl ist, wenn man verzweifelt im Wald steht, nichts sieht und weiss, dass hier irgendwo das Reh liegen muss.

Also habe ich mich im Internet nach Wärmebildkameras umgesehen, die mir bei der 'kurzen Nachsuche' helfen sollen (zur Unterscheidung zwischen Nachtsichtgerät/Restlichtverstärker vs. Wärmebildkamera vs. digitales Nachtsichtgerät siehe Exkurs am Ende dieses Artikels).

Für das iPhone gibt es preisgünstige aufsteckbare Wärmebildkameras. Nachdem ich mir in Foren Erfahrungsberichte und auf Youtube Videos dazu angesehen habe, sind diese Billiggeräte für mich wieder ausgeschieden.

Schließlich bin ich auf die Guide IR510P gestoßen. Da dieses Gerät etwas günstiger und von den technischen Daten leistungsfähiger als vergleichbare Geräte (z.B. von FLIR Scout TK, Flir Scout II) ist, habe ich mich zu der Investition von EURO 2150,- (Stand Ende 2015) entschlossen.

Anwendungsfelder
1. Ich nutze das Gerät ganz früh morgens (also noch bei absoluter Dunkelheit) beim Anpirschen an den Hochsitz. So kann ich schon aus sicherer Entfernung beispielsweise die Wiese/Lichtung abscannen, ob da vielleicht schon irgendetwas steht, bevor ich meine Deckung verlasse und mich dem Hochsitz weiter nähere.
2. Auf dem Hochsitz, wenn es noch dunkel und/oder neblig ist, kann man hervorragend die Umgebung ableuchten um zu sehen, ob da schon irgendetwas aufgetaucht ist, was meinem Auge bisher entgangen ist.
3. Das wichtigste für mich aber ist: Nach erfolgtem Schuss hat mir das Gerät jetzt schon mehrfach dabei geholfen, das getroffene, jedoch noch ein Stück weit geflohene und im Dickicht verendete Reh binnen kürzester Zeit wieder zu finden.


Praxis
Hier ein paar Bilder:

Photo 1: Meine Katze pennt auf der Chaise Longue. Aufgenommen bei Tageslicht. Distanz 7m.



Photos 2+3: Mit dem bloßen Auge (iPhone5-Photo) ist nichts zu sehen. Mit der IR510P sieht man dann aber deutlich zwei Rehe am Waldrand (im Bodennebel). Aufgenommen früh morgens um kurz vor 6 Uhr (Anfang Mai 2016). Distanz 190m.




Photos 4+5: Hier mal zum Vergleich die beiden Rehe mit 2x und 4x Vergrößerung. Schon sehr stark verpixelt. Hier zeigt sich die geringe Auflösung so einer Wärmebildkamera. Aber immerhin sieht man: da ist auf jeden Fall etwas.



Photo 6: Andere Situation. Reh auf der Lichtung. Noch ist nicht zu erkennen, um was es sich genau handelt. Aufgenommen um ca. 18 Uhr (Anfang Mai 2016), Abendstimmung. Es ist noch schönes Abendlicht, man hat mit bloßem Auge noch sehr gute Sicht. Distanz 150m.



Photo 7: Reh kommt näher. Es ist ein Schmalreh. Jetzt ca. 18:15 Uhr. Distanz 75m.




Photo 8: Wieder eine andere Situation: ich habe eben (ca. 20:50 Uhr) auf der in den obigen Photos zu sehenden Wiese einen Rehbock geschossen. Der Schuss saß perfekt, dennoch ist der Bock noch ein Stück in den angrenzenden Wald geflohen. Es ist jetzt kurz nach 21 Uhr und schon verdammt dunkel draußen. Hier im Wald sieht man mit bloßem Auge kaum noch etwas. Nach wenigen Minuten mit der IR510 im Wald entdecke ich etwas 'verdächtiges' rechts neben mir im Unterholz. Ist das mein Rehbock?? Distanz 20m.



Photo 9: Ja, da ist er. Große Erleichterung! Kurz nach 21 Uhr. Distanz 10m.



Nachteile
- funktioniert nur bei direktem Sichtkontakt (geht nicht durch Bäume oder andere solide Hindernisse hindurch)
- man sieht nur, ob da was ist - nicht was genau da ist (nicht gut zum Ansprechen geeignet)
- funktioniert m.E. vernünftig nur bis ca. 200m (die Werksangaben in der Werbebroschüre des Herstellers halte ich für übertrieben)
- mit EURO 2150,- (Stand Ende 2015) einigermaßen teuer

Vorteile
+ ideal um zu sehen, ob da irgendwo etwas Interessantes ist
+ super um getroffenes Wild bei Dunkelheit im Dickicht wieder zu finden (kurze Nachsuche)!!!
+ funktioniert auch in völliger Dunkelheit
+ lässt sich auch für andere Zwecke verwenden (z.B. Dämmung des Eigenheims prüfen, beim Segeln usw.)

Fazit
ich bin sehr zufrieden und würde das Gerät jederzeit wiederkaufen. Ich finde, für alle Jäger, die wie ich keinen Jagdhund halten können, ist das eine sinnvolle Investition, die wir unserem Wild schuldig sind. Dieses Gerät entbindet einen Jäger nicht davon, sich waidgerecht zu verhalten. Vielmehr unterstützt es ihn als zusätzliches Hilfsmittel dabei, indem es die Erfolgschancen bei einer kurzen Nachsuche in der Dunkelheit deutlich erhöht.

Kurzer technischer Exkurs
Man muss unterscheiden zwischen sog. a) Nachtsichtgeräten und b) Wärmebildkameras und c) digitalen Nachtsichtgeräten.
Ad a) Nachtsichtgeräte (=Restlichtverstärker) funktionieren nur bei Dunkelheit und benötigen dann stets zumindest ein ganz bisschen Restlicht, damit man etwas sieht. Zur Not nimmt man einen zusätzlichen kleinen IR-Scheinwerfer zu Hilfe, dessen Licht für das Wild und für uns Menschen quasi nicht sichtbar ist (zumindest stört sich das Wild nicht daran), der das Bild aber für das Nachtsichtgeräte deutlich verbessert. Es gibt Nachtsichtgeräte verschiedener "Generationen" - je höher die Generation, desto besser und desto teurer ist so ein Nachtsichtgerät. Die Bilder, die diese Geräte liefern, erscheinen in aller Regel in Grüntönen und sind von der Auflösung her schärfer als die von (erschwinglichen) Wärmebildkameras. Daher sind solche Nachtsichtgeräte auch besser zum Ansprechen des Wildes geeignet.
Ad b) Wärmebildkameras benötigen keinerlei Restlicht und funktionieren sowohl bei Tageslicht als auch bei absoluter Dunkelheit (keinerlei Restlicht notwendig). Diese Geräte zeigen Wärmequellen an, die in unterschiedlichen Farbabstufungen eingefärbt werden - typischerweise werden warme Objekte in Rot-Orange-Farbtönen hervorgehoben. Die Auflösung ist bei erschwinglichen Geräten sehr niedrig, so dass sich solche Geräte primär dazu eignen, um Wärmequellen (Wild) aufzuspüren.
Ad c) Dann gibt es noch digitale Nachtsichtgeräte, beispielsweise das DFA75 der Firma Pulsar. Die haben einen besonders sensiblen optischen Chip eingebaut, mit dem das restliche Licht eingefangen und mit speziellen im Chip enthaltenen Softwarealgorithmen optisch aufbereitet wird. Das langt um auch bei Dunkelheit noch ganz ansehnliche Bilder zu bekommen, insbesondere in Kombination mit einem zusätzlichen IR-Aufheller (z.B. Laserluchs 5000). Das gelieferte Bild ist in der Regel Schwarz-Weiss und von der Bildqualität in etwa auf Level eines Nachtsichtgerätes/Restlichtverstärkers der Generation 2+.
Solche digitalen Geräte sind eigentlich keine richtigen Nachtsichtgeräte, sondern einfach digitale Photoapparate/-kameras, die einfach einen besondern sensiblen optischen Chip verwenden. Die allermeisten digitalen Überwachungskameras, die man sich neuerdings rund ums Eigenheim an die Hauswände und neben die Eingangstüre schraubt, fallen in diese Kategorie.


Abschließend noch ein paar Aufnahmen:


Aufnahme von mir im Garten bei völliger Dunkelheit.



Mein Auto im Wald, nachts bei nahezu völliger Dunkelheit.



In meinem Revier, Wald, nahezu völlige Dunkelheit.



Im letzten Büchsenlicht erlegtes Stück Rehwild. Distanz 25m. Inzwischen herrscht nahezu vollständige Dunkelheit. Ich bin total dran vorbeigelaufen, da ich es eigentlich ganz woanders vermutet hatte. Mehr aus Zufall habe ich mich zwischendurch mal umgedreht und es dabei entdeckt.


Distanz jetzt vielleicht noch 10m.


Ja, da ist es. Puh!



Im Segelurlaub in Kroatien, Sommer 2016, ca. 21:30 Uhr.



Die Crew auf dem Nachbarboot, ca. 21:30 Uhr.



Die Uferpromenade, ca. 21:30 Uhr, aufgenommen im Modus "Black Hot" (Schwarz/Weiss, je dunkler desto wärmer).

Dasselbe Bild nochmal im normalen IR-Modus (Red-Hot, i.e. rot = warm)




Der gegenüberliegende Teil der Bucht. Einmal in Red-Hot und einmal in Black-Hot. War mit blossem Auge kaum wahrzunehmen - lediglich als 'schwarze Masse'.



Die Boote neben uns im Dunkeln. Mit blossem Auge waren die bestenfalls schemenhaft zu erkennen.



Beleuchtete Kirche auf der anderen Seite der Bucht, ansonsten war es zappenduster.

Anzeige

Kommentare

Minos Dobat

Wow, sehr geil! Stelle ich mir auch gut auf der Jagd auf Fuchs vor. Das Erkennen auf weiten Flächen sowie die "Nachsuche" wäre stark erleichtert. Auf Fuchs ist es ja schließlich immer dunkel. Spannend @INT806

Hans Forstmann

Ich habe ein solches Gerät schon mal im Einsatz gesehen, genau wie hier beschrieben. War eindrücklich! Tolle Sache...

Ober Jäger

Hey @INT806 hast Du eine Bezugsquelle? Wo kommt man ggf. etwas "günstiger" ran?

Carl M. Lidl

Hallo Oberjäger,
ich habe mir das IR510 bei dem Händler Roland Standhaft für EURO 2149 bestellt. http://www.rs-waffen.de
WMH, INT806.

Sven Krauth

Hey ! Haben ich auch schon gemacht ' bei gutem Schweiß Verlust sieht man sogar den Anschuss mit dem Gerät ! Ich würde es jedem Jäger empfehlen ! Lieben Gruß Sven

Jan Hüffmeier

Sehr interessanter Bericht! Danke @INT806 !! Waihei Jan

Tomislav T.

Toller Text!! Danke für die Info.

Weidmannsheil

Philipp Uhl

Hej, vielen Dank für den tollen und ausführlichen Bericht. WMH

Hans Forstmann

Also ich hab jetzt auch zugeschlagen. Bin immer wieder zudiesem Bericht hier gekommen und der Gedanke ist stetig gewachsen. Beste Wissensquelle zum Thema im Netz! Bin gespannt mehr von Dir zu hören @INT806

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Mehr erfahren