Mein Suhler Drilling von A.W. Wolf
Von Dreiviertelmond am 3. Mai 2019


Hallo liebe Geartester,

mir ist völlig klar, an klassischen Drillingen scheiden sich die jagdlichen Geister! Von vielen seit der Waffenhandhabung im Jagdscheinkurs gehasst, von anderen (vorwiegend älteren Jägern) wegen seiner Vielseitigkeit geliebt. Für mich persönlich war und ist der klassische Drilling der Inbegriff deutscher Büchsenmacherkunst und übt seit Kindesbeinen eine besondere Faszination auf mich aus.

Wann immer mein Vater mich als Kind mit zur Jagd nahm, sein Sauer & Sohn Drilling war mit dabei. Und wir fuhren damals selten ohne Beute nach Hause! Jagdschutz wurde noch großgeschrieben und bevor es zum Ansitz ging, fielen bei der obligatorischen Revierrunde regelmäßig Füchse, Krähen, Elstern oder auch mal eine weitab streunende Katze dem 16er Schrotlauf oder dem Einstecklauf Kaliber .22 Magnum zum Opfer. Da mein Vater damals fast täglich ins eigenen Revier fuhr, machte er auch mit dem Kugellauf in .30-06 Spr (damals noch eher exotisch) reichlich Strecke auf Rot-, Schwarz- Muffel- und Rehwild. Auch auf Drückjagden wurde ich staunend Zeuge, wie er mit Kugel und Brenneke aus dem Sauer & Sohn die Sauen rollieren ließ.

Wen wundert es, dass dieser Drilling für mich absoluten Kultstatus hatte und ich später ein ebensolches dreiläufiges Wundergewehr haben wollte!

Dennoch startete ich meine Laufbahn später wie fast jeder Jungjäger heutzutage mit Repetierer und Bockflinte. Damit kam ich grundsätzlich natürlich in den meisten Situationen gut zurecht, dennoch liebäugelte ich schon sehr mit einer kombinierten Waffe in Form eines eigenen Drillings. Besonders die Jagd auf Füchse hatte mich zwischenzeitlich voll in ihren Bann geschlagen und die mit der großen Kugel zerschossenen Bälge ärgerten mich zunehmend.

Als sich eines Tages die Chance auf einen älteren aber neuwertigen Drilling der Firma A.W. Wolf Suhl bot, schlug ich kurzentschlossen zu. Die Kaliberkombination 12/70er Schrot und .30-06 Spr im Kugellauf schien mir passend. Es handelt sich um einen klassischen Drilling Suhler Bauart mit verlötetem 63,5cm langem Laufbündel, Blitzschlossen und als Besonderheit einer separaten Kugelspannung. Die automatische Abzugsicherung liegt gut platziert als Schieber auf dem Pistolengriff.

Zusätzlich weist die Waffe ein wunderschönes dunkles Schaftholz und wirklich detailreiche und ansprechende Hand-Gravuren über der kompletten Stahlbasküle auf. Insgesamt eine absolute Luxuswaffe, die büchsenmacherische Handwerkskunst und Liebe zum Detail ausstrahlt. Allein die ideal garnierten Läufe, die perfekten Passungen aller Metall-und Holzteile und die makellosen Oberflächen begeistern mich immer wieder aufs Neue.

Auf diesen Drilling ließ ich per EAW Hebelschwenkmontage ein ZEISS Varipoint 3-12x56 montieren, auch wenn ich aus ästhetischen Gründen ein etwas kompakteres ZF bevorzugt hätte. Aber letztlich zählte für mich der Praxiswert und ich brauchte einfach ein ideales Nachtglas auf meinem Drilling.

Ein wenig später erfüllte ich mir dann noch den Traum eines mündungslangen Keller & Simmann Einstecklaufes im Kaliber .17 Hornet über den ich hier bereits berichtete ( https://www.geartester.de/articles/2541 ).

Die Schussleistung und damit der praktische Nutzwert meines Drillings ist über jeden Zweifel erhaben. Die Schrotläufe sind halb und voll gechoked und schießen ideal mit dem Kugellauf zusammen. Zudem ist die Deckung der Garben top und der linke Lauf hält die Schrote auch auf 30m super zusammen. (Brenneke habe ich allerdings noch nie ausprobiert.) Der .30-06er Kugellauf schießt ebenfalls sehr präzise, durch seine Länge von 63,5cm sehr komfortabel und praktisch ohne Mündungsfeuer. Der zweite schnelle Folgeschuss klettert nur wenig, wobei beim dritten schnellen Schuss dann schon ein deutliches Klettern um 6-8 cm auf 100m zu erkennen ist. Das ist grundsätzlich beim Warmschießen von fest verlöteten Laufbündeln zu beachten. Mir hat das Klettern bislang allerdings auf der Jagd noch keinen Fehlschuss eingebracht und wenn ich ehrlich bin, fiel auch höchst selten mehr als ein Kugelschuss kurz hintereinander. Die Treffpunktlage von großer und kleiner Kugel ist übrigens nahezu unglaublich konstant. Wann immer ich über all die Jahre Kontrollschüsse auf die Scheibe abgab, sie saßen stets am rechten Fleck. Das spricht für die Qualität des Einstecklaufes, sowie der EAW Montage und natürlich des Zeiss ZF.

Die Schussleistung der beiden Kugelläufe ist über jeden Zweifel erhaben. Hier eine Gänse-Dublette mit der .17 Hornet auf 180m

Die Abzüge meines Drillings sind wirklich gut, solange man die Schrotschlosse abschlägt. Da stehen sie absolut angenehm weich. Stellt man den vorderen Abzug jedoch auf das Kugelschloss (was beim Vorschieben des Kugel-Spannschiebers automatisch geschieht), so ist das Abzugsgewicht eindeutig zu hoch für einen präzisen Schuss. Hierfür muss der Rückstecher im vorderen Züngel herhalten, den man gut per Stellschraube einjustieren kann. Mit Hilfe des Stechers kann man dann sehr kontrollierte und präzise Punktschüsse abgeben und, sofern man ihn nicht zu fein einstellt.

Grund für den hohen Widerstand ist die Blitzschloss-Konstruktion der meisten Suhler Drillinge, die zwar bewährt und solide ist, aber eben diesen Nachteil aufweist und den Stecher als „Krücke“ braucht. Hier sind moderne Abzugskonstruktionen a la Blaser tatsächlich im Vorteil.

Insgesamt bin ich seit nunmehr 11 Jahren mehr als glücklich mit meinem Drilling, den ich ab Spätsommer, wenn die Jagd auf Raubwild intensiviert wird, als liebste Ansitzwaffe führe. Mit seinen 12er Schrotläufen, dem großen variablen ZF und dem langen Einstecklauf bringt er natürlich schon ein paar Pfund auf die Waage, die ihn nicht unbedingt als reine Pirsch- und Bergwaffe prädestinieren, eine ausgedehnte Morgenpirsch ist dennoch überhaupt kein Problem. So viele tolle Erlebnisse und buntes Waidmannsheil hätte definitiv niemals mit einem Repetierer erleben können. Dutzende Füchse, Dachse, Marderhunde, Gänse, Hasen, Kaninchen, Tauben und Krähen konnte ich mit Schrot und der .17 Hornet erlegen. Auch mein erster Marder im Schnee fiel im Schrothagel meines Suhlers. Dazu reichlich Sauen und Rehwild mit der großen Kugel. Diese Waffe macht einfach nur Spaß!

Beim sommerlichen Ansitz auf der Stoppel spielt mein Drilling seine Stärken voll aus.

Ich hoffe, ich kann mit diesem Bericht ein wenig Werbung für den klassischen Drilling machen. Denn es ist fast erschreckend, zu welch niedrigen Preisen hochwertige Drillinge am Gebrauchtwaffenmarkt gehandelt werden. Die Nachfrage scheint einfach sehr gering zu sein. (Klar, der Trend liegt bei robusten Repetierern und Synthetikschäften.) Auf der anderen Seite natürlich eine ideale Situation für echte Schnäppchen auf hochwertige Waffen, in denen noch echte Büchsenmacherkunst steckt. Egal ob Suhler Drilling, Sauer & Sohn, Krieghoff oder Merkel. Der Markt ist voller gebrauchter Schätze, die heute als Neuwaffen fast unbezahlbar wären.

In diesem Sinne, Waidmannsheil!


Kommentare

Hans Forstmann

Hier schreibt ein Kenner und Praktiker... Danke für den tollen Bericht!!

Robin Geiger

Kann dir in allen Punkten zustimmen. Führe seit 4 Jahren in der 3. Generation einen Sauer Sohn Drilling mit dem klassischen Zeiss 2,5-10x52 und habe es in keiner jagdlichen Situation bereut mich für den Drilling entschieden zu haben.
Danke für deinen tollen Bericht!
Waidmannsheil!

Jordan

Bericht kann ich zu 100% bestätigen, habe auch vor 8 Jahren einen alten Sauer 3000 in 7x65R/16 übernommen und gehe sehr gern mit diesem auf Jagd (Rehwild, Damwild, Fuchs). Die Waffe schiesst absolut präzise, sogar der 22 Magnum Einstecklauf in kurz trifft auf 50 m sehr genau. Habe zwischenzeitlich sogar einen weiteren 3000er von einem verstorbenen Jagdfreund übernommen, damit dieser nicht verschrottet werden musste. Auch Doubletten auch Schmalreh und Ricke sind mit etwas Übung kein Problem und bereits mehrfach gelungen.
Nur bei der Sicherung muss man aufpassen!

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