Im Test: RWS HIT Short Rifle – Volle Leistung aus kurzen Läufen.
Von Finn Förster am 20. Juli 2018

Moin GearTester,

auf der IWA vorgestellt und jetzt nach langem Warten endlich bei meinem BüMa verfügbar! Die neue Short Rifle Munition von RWS im großen Geschwindigkeitstest um die Frage zu klären:

Alles nur ein Werbeversprechen oder tatsächlich mehr Leistung aus kurzen Läufen?!

Ich hab‘s am Wochenende direkt probiert und mich ans „Messen“ gemacht! Dazu mehr in den nächsten Zeilen.

Hintergrund
Verfolgt man Fachpresse und andere Media-Kanäle rund um Ausrüstung und Jagd, lassen sich beim genaueren hinschauen folgende zwei Trends immer wieder erkennen:

1. Kurze Läufe scheinen immer beliebter zu werden, denn in der Kürze liegt bekanntlich die Würze! Von 550mm bis zu 400mm ist mittlerweile alles zu haben. Die Vorteile sind zumindest im Handling recht einleuchtend. Die Waffen ist mit einem kurzen Lauf im Gesamten deutlich führiger, leichter und bietet besonders bei Nutzung eines Schalldämpfers eine überschaubare Gesamtlänge in der Jagdpraxis.

2. Die Jagd auf größere Distanzen. Sowohl Waffe, Optik als auch Munition machen es immer einfacher (bei regelmäßigem Training und genauer Abstimmung der Ausrüstung) auf weitere Entfernungen (+ 200m) sauber und waidgerecht zu jagen!

Diese beiden Trends sind allerdings so Gegensätzlich wie Push & Pull. Denn, die Funktionalität mancher Geschosse ist bei kurze Läufen, bezogen auf die Schussentfernungen, stark reduziert! Warum ist das so?

Das Problem…
… lässt sich relativ einfach aufzuzeigen:

Kurze Läufe = Weniger Geschwindigkeit = Geringere Funktions-Einsatzreichweite des Geschosses

Soll heißen, jedes Geschoss hat eine Fenster an Geschwindigkeiten, in welchem es funktioniert. Die Funktion zeigt sich darin, dass es sich beispielsweise zerlegt (Teilzerleger) oder es deformiert (Deformator), um die eigentlich Aufgabe zu erfüllen:

Möglichst viel Gewebe zerstören und das Wild schnell töten.

Wird eine gewisse Grenzgeschwindigkeiten, die von Geschoss zu Geschoss variieren kann, nicht mehr erreicht, ist diese Funktion möglicherweise nicht mehr gewährleistet. Im allgemeinen Jägersmund spricht man hier gerne vom sogenannten „Vollmanteleffekt“. Soll heißen, es findet keine Verformung oder Zerlegung des Geschosses mehr statt und wir haben keine ausreichende Tötungswirkung. Erschwerte Nachsuchen sind garantiert.

Die Lösung…
...liegt auf der Hand: Es braucht eine höhere Geschwindigkeit. Dies erreicht man auf vielerlei Wegen: Neben der Verwendung eines anderen Kalibers, spielt das verwendete Pulver sowie das Geschossgewicht eine maßgebende Rolle. Erhöhen wir die Geschwindigkeit, erhöhen wir auch die Einsatzreichweite. Logisch oder? Jedoch ist dieses in der Theorie meist einfacher gesagt, als letztendlich in die Praxis umgesetzt. Dennoch soll die Short Rifle genau dieses „Geschwindigkeitsplus“ liefern.

Im Test …
… habe ich im Kaliber .308 Win die normal RWS HIT und die RWS HIT SHORT RIFEL verglichen.

Herhalten musste eine Blaser R8 mit einer Lauflänge von 520mm. Dazu muss man wissen, dass man bei Blaserläufen weitere 25mm abziehen muss, da die Lauflänge bei Blaser vom Beginn des Patronenlagers gemessen wird, der Verschlusskopf aber noch ins Patronenlager hineinragt. Es bleiben also reelle 495mm Lauflänge über. Die Geschwindigkeiten wurde mit dem Magneto Speed gemessen. Im Übrigen eine tolles, genaues und simples Geschwindigkeitsmesssystem für Jedermann. Bericht dazu folgt!

In der nachstehenden Tabelle sind die Messergebnisse der beiden Patronen zu sehen. Dabei wurden jeweils die Packungsangaben sowie die reell gemessenen Geschwindigkeiten verglichen. Grundlage waren jeweils 3 Schuss.

Unterscheid RWS HIT und RWS HIT SHORT RIFLE

Erkenntnisse:
1. Besonders bei der normalen RWS HIT fällt die hohe Abweichung zu den Packungsangaben auf. Der Grund dafür ist klar. Die Geschwindigkeiten der normalen RWS HIT wird mit einem 600mm langen Lauf ermittelt. Dies schreibt die CIP so vor. Da der Versuch aber mit einem 520mm (495mm) langen Lauf stattgefunden hat, weichen die Daten selbstverständlich ab. Diese Erkenntnis stütz allerdings die Faustregel, welche besagt, dass mit etwa 2-4 (m/s) verlorener Geschwindigkeit pro gekürztem Zentimeter Lauflänge zu rechnen ist. Diese kann von Kaliber zu Kaliber unterschiedlich sein.

Kurze Läufe als Grund für die Abweichungen zu den Packungsangaben.  

2. Allein durch einen kurzen Lauf habe ich bei der normal RWS HIT eine Leistungsverlust von 31 (m/s).

3. Mit der RWS HIT Short Rifle haben ich eine Leistungsplus von 74 (m/s) im direkten Vergleich.

Glatte 74 m/s mehr. Das kann sich sehen lassen. 

In der Praxis…
… bedeutete dies nun genau was für mich? Um dieses einfach zu verdeutlichen, habe ich die Geschwindigkeit in die maximale Einsatzentfernung überführt.

Dazu muss man wissen, dass Kupferdefomatoren bis zu einer Geschwindigkeit bis etwa 700 (m/s) im Kaliber .30 zuverlässig wirken. Diese Aussage stütze ich auf ein Gespräch mit einem Ballistiker von Barnes auf der letzten IWA und decken sich mit meinen Erfahrungen. Blickt man nun auf die Geschwindigkeiten der zwei Patronen, ergeben sich speziell für meinen Versuchsaufbau (Blaser R8 / .308 Win, 520mm (495mm)) folgende maximale Einsatzreichweiten, in denen mir garantiert wird, dass das Geschoss noch zuverlässig anspricht und sauber deformiert.

Fazit:
Das A und O ist und bleibt es, das Stück an der richtigen Stelle zu treffen. Und dieses setzt, besonders bei Schüssen über 150m, regelmäßiges Training voraus! Ist dieses Kriterium erfüllt, ist die Short Rifle für alle die, die kurze Läufe nutzen und mal etwas weiter hinaus müssen, eine sinnvolle Leistungssteigerung zur Standartmunition.

Für mich und meine Waffe bedeutet dies im konkreten Fall, dass die RWS HIT SHORT RIFLE mir ein Leistungsplus von etwa 80m liefert, welches mich wirklich überrascht hat! 

Ein Blick in mein Schussbuch verrät mir allerdings auch, dass ich im letzten Jahr nur 5 Stücke mit der HIT jenseits der 140m Marke erlegt habe. Außer bei einem Schmalspießer auf 190m, wo ich diesen „Vollmanteleffekt“ erlebte und ein Fangschuss nötig war, lagen die anderen Stücke (Rehwild) im Knall oder nach kurzen Fluchten.

Für mich eine gelungene Produkterweiterung die sicher für den ein oder anderen Jäger von Interesse sein könnte!  

Anmerkung an RWS:
Gerne würde ich noch eine Kalibererweiterung sehen. Speziell für die 8x57 wäre das eine runde Sache.

Bis dahin!

Euer Finn

Ps: Natürlich stellte ich mir auch die Frage: Was kann die Short Rifle denn dann erst aus „langen“ Läufen? Leider hatte ich keine passende Waffe mit einem 600mm Lauf oder länger zum Test Vorort. Ich bin aber dran und Teile auch diese Erkenntnisse gerne mit euch!  


Kommentare

Carl M. Lidl

Super Artikel, danke. Das mit den -2,5cm bei Blaserläufen wusste ich nicht - das ist ja interessant.

Totto

Schöner Bericht!

Wenn du jetzt Labos vom Hit in gleicher Geschossgewichtsklasse gemessen hättest, hätte man Vergleich ziehen können. So hast du nur bewiesen das ein leichtes 150 gr Geschoss an der Mündung schneller fliegt als ein 168 gr Geschoss. Das ist logisch und sagt nix aus, leider.

Ein Vergleich geht nur mit 15/159 gr bzw 168/168gr.

Finn Förster

@Totto: Danke für die durchaus berechtigte Anmerkung! Insgeheim habe ich auch gehofft, dass jemand den Artikel aufmerksam ließt und danach fragt. Grundsätzlich gebe ich dir recht. Es ist eine logische Konsequenz, dass ich bei einem geringen Geschossgewicht eine höhere V0 habe. Das ist keine Hexerei.

Jedoch sehe ich hier das Gesamtpaket und fakt ist, dass die Reduzierung des Geschossgewichtes mittel zum Zweck ist und in diesem Fall dem Jäger, der auf Munition von der Stange angewiesen ist, ein Leistungsplus bietet. Wie ich diese Mehrleistung abbilde, spielt doch eigentlich keine Rolle, oder?

Jedoch, und jetzt wird es interessant, stellt sich die berechtige Frage: Wurde außer am Geschossgewicht sonst noch etwas verändert? Ich weiß es nicht, noch nicht! ;-)
Mein BüMa hat mich gestern Abend informiert, dass die zweite Laborierung der Speed Tip Pro in der Short Rifle angekommen sei.
Hier haben die Speed Tip Pro Short Rifle und die Speed Tip Pro das gleiche Geschossgewicht und man wird auf gleicher Basis bewerten können. Ich werde berichten!

@Team GearTester: Schön wäre es, wenn man in den Kommentaren Bilder einfügen könnte! Dann könnte ich die die Ergebnisse direkt hier hochladen. Geht das irgendwie?

Andi ....

Hey TOP Artikel werde ich gleich mal ausprobieren.
Klingt echt gut!!!

Jagd-Team Nordschleswig

Super Bericht!

Jannis Hellmuth

Super interessanter Bericht!

Gunnar Petrikat

Top Bericht!
Zum Vergleich hätte man auch noch die Energie betrachten können.
Bei unterschiedlichen Geschossgewichten erkennt man nicht gleich welche mehr Energie hat. also her mit der Formel (E= m:2 x V hoch2) Beide Ergebnisse durch den Taschenrechner gejagt. Energievorteil mit der Short Rifle genau 312,5J.

Christian Barthel

Die RWS HIT ist mit Nickel ummantelt. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Nickel im Wildbret für den menschlichen Verzehr noch bedenklicher ist als Blei. Es wurde daher von der Verwendung nickelhaltiger Geschosse abgeraten. Das führt doch die ganze Bleifrei-Diskussion ad absurdum. Im Grunde sind - auch aus Tierschutzgründen - die bewährten Bleigeschosse immer noch die beste Wahl. Wo dies aus (unsinnigen) rechtlichen Gründen nicht möglich ist, muss auf der Jagd natürlich ein bleifreies Geschoss verwendet werden. Allerdings habe ich aus den o.g. Grunden auf die weitere Verwendung des eigentlich guten HIT-Geschosses verzichtet und bin auf das Hornady GMX bzw ETX umgestiegen. Allerdings nur und ausschliesslich wegen der Nickelummantelung des HIT. Diese soll auch die Läufe stärker belasten und verträgt keine gleichzeitige Verwendung von mit anderen Materialien ummantelter Übungsmunition. Die Tombak-Ummantelung der bleifreien Hornady GMX Geschosse eröffnet hier mehr Möglichkeiten.

Waidmann

Das HIT ist nicht nur giftig, sondern auch verdammt tödlich ... ;-)

Die Diskussion über die „Giftigkeit“ bleifreier Jagdbüchsengeschossen ist genau so überflüssig, wie die Argumentatiosgrundlage gegen den Gebrauch bleihaltiger Geschosse!

Franz Baumann

Danke für Deine Mühen! Belegen kann die Behauptung aber nur ein Vergleich mit dem gleichen Geschoss in gleicher Gewichtsklasse. Dann auch ein Test, wie sich das "short rifle" im langen Lauf verhält. Vor Jahren habe ich aufgrund vieler Forenberichte mit zwei Blaser Repetierern in 8x57IS, einmal mit normalem und einmal mit kurzem Lauf, Munition mit der gleichen Seriennummer verschossen. Und war sehr überrascht, da der Kurzlauf etwas mehr an m/s brachte. Dann diese Munition aus dem Kurzlauf der Waffe eines Freundes, hier die oft erwähnten 10% weniger. Es ist - und das will ich neben all dem Marketing und all den Pauschalaussagen zum Ausdruck bringen - immer auch der individuelle Lauf / gerade bei RWS das Fertigungslos / entscheidend. Persönlich denke ich, dass man jagdlich nicht so planen sollte, dass die benötigte Leistung nur mit entsprechender Spezialmunition erreicht wird, was ja auch entfernungsabhängig ist, sondern dass man ein Kaliber für einen Kurzlauf wählt, das von Haus aus die nötigen Reserven mit bringt. Auch wenn`s mal weiter raus geht.

Jan V.

Der gesamte Test / Vergleich ist alleine aufgrund der Tatsache das zwei unterschiedliche Geschossgewichte verglichen werden nicht sinnig!

Nehmen wir zur Gaudi mal ein 110 grain schweres Geschoss bringe ich dir das mit einem ansatzweise giftigen (schnell umsetzenden Pulver) Pulver auf 1000 m/s und bin bei 200m nach Strelok (habe mal schnell einem Testdatensatz gebastelt) mit vergleichbarem BC und ungefährer V0) noch entspannt bei ca. 850 m/s..... ist das dann jetzt noch besser ? ;-)

Ich erspare mir jetzt hier auf Aspekte wie Energie und Momentum einzugehen.

Auch die Aussage das hier "Leistung gesteigert" wird ist schlichtweg physikalisch falsch !!

Es wird ein leichteres Geschoss mit einem schneller umsetzenden Pulver auf kürzerem Weg beschleunigt...die gleiche Patrone in einem sagen wir 65 oder 70cm Lauf wird vermutlich Leistung einbüßen, da das "Short Rifle" Pulver schon komplett umgesetzt hat bevor das Projektil den Lauf verlassen hat.

RWS hat kein Zauberpülverchen mit x-fach höherer Energiedichte!

Vielleicht wäre es angeraten sich vor einem "Patronenvergleich" mal mit Grundlagen von Ballistik, BC, Pulverabbrandverhalten und dem Laden / Wiederladen von Munition, Verhältnis Drall / Geschossgewichte usw. ausseinanderzusetzen.

Bei ca. 80 € für 20 Patronen habe ich nach 200 Stück das Äquivalent für eine Wiederladeausrüstung zusammen und kann wirklich beginnen abzustimmen.

Hier merkt man leider wie unreflektiert Werbestrategien geglaubt und ohne Hintergrundwissen für toll befunden werden.

Franz Baumann

Jan V.: Du hast es zwar mit harten, aber absolut richtigen, Worten auf den Punkt gebracht. Ich kreide dieses Unwissen dem Berichtersteller nicht an. TRAURIG, sehr traurig, aber, wenn hier die "Profis" und "Teams" mit "Super ... " klatschen. Schuß in`s Knie für sie selbst. Zeigt es doch, dass sie nicht `mal Minimalwissen haben und zudem alles beklatschen, wo ein großer Name drauf steht / sie verdienen. Im Umkehrschluß, dass es nicht mehr lohnt, deren "Berichte" und "Tests" zu lesen. Meinungsbildner? - eher das krasse Gegenteil.

campfire

Mehr Leistung als aus "normalen" Patronen gibt´s schon lange - nennt sich Hornady Superformance ... insofern ein alter Hut und keine neue "Erfindung" von RWS ... und der Preis - eine Frechheit!

Finn Förster

Vielen Dank für Euer Feedback und teilweise sachlichen Hinweise.
Wie in meinem ersten Kommentar bereits erwähnt, habt ihr natürlich recht! Nur ein Vergleich innerhalb eines Geschossgewichtes zeigt letztendlich den Unterscheid auf!

Wie versprochen war ich am Wochenende mit der Speed Tip Pro auf dem Stand.
Kurzum: 37m/s mehr mit der Short Rifle. Dabei mag ich es auch belassen.

@Campfire: Danke für den Hinweis! Stell uns die Patrone doch mal vor. Mich würde deine Erfahrung sehr interessieren.

Grüße und WMH
Finn

Patrik

@Waidmann
Die Diskussion über die „Giftigkeit“ bleifreier Jagdbüchsengeschossen ist genau so überflüssig, wie die Argumentatiosgrundlage gegen den Gebrauch bleihaltiger Geschosse!

Ist das allgemein oder speziell zu dem Bericht gemeint?

Raimund

Guter Test, hat mir viel gegeben. Die Wirkung in ‚langen‘ Läufen ist in der Tat für mich der nächste interessanteste Ansatz. (Diese Fragestellung habe ich vor einiger Zeit an RWS gesendet und bislang keinen Antwort erhalten. ...)

Viele Grüße
Raimund