Traditionelles, hochwertiges Jagdmesser
Von Tobias Gäßler am 22. August 2016

Die Sache mit den Messern ist ja nun eine besondere Angelegenheit. Manche meinen, ein Produkt für zehn, zwölf Euro tut es zum Verlieren und fürs nächtliche Aufhämmern des Schlosses im Wildkörper. Andere sagen mit mahnendem Zeigefinger, unter vier-, fünfhundert Talern wird man seines Jägerlebens kaum glücklich. Denn wer billig kauft, kauft zweimal. Daraufhin wird der Günstigstmesserkäufer erwidern: "Da kann ich sogar 40 Mal kaufen, bis ich ausgegeben habe, was hier veranschlagt wird!" ... und so weiter, und so fort.
So oder so ähnlich tagein tagaus geschehen in diversen Jagdforen. Beide Meinungen haben ihr Maß an Berechtigung, was nicht zuletzt vom Geldbeutel des Interessenten bestimmt wird.

Erschwerend hinzu kommt, dass der Markt bei den Messern nicht übersichtlicher wird. Alteingesessene und renommierte Hersteller, die nur noch Masse und Mist jenseits der 200 Euro produzieren, gleichzeitig teils sehr hochwertige und qualitativ gute Messer aus Skandinavien und den Staaten, immer neue und kompliziertere Stahlsorten, aus deren Bezeichnung kein Mensch mehr schlau wird.

Und irgendwo in den Nischen des Netzes bei seltenen Anlässen in uralten Threads noch lesbar: Puli, Ungarn, Handarbeit. Ausschließlich beziehbar über eine ziemlich verstaubt anmutende Webseite mit eigenartigem Namen und minimalistischem Webshop, seltener in ebay. Hat man die Seite gefunden und geöffnet, denkt man erst mal, das muss ein Irrtum sein, das kann nicht sein. Ein vollwertiges Jagdgebrauchsmesser, stabil, zeitlos, in bester Vollintegralbauweise und auch noch handgemacht für 130 Euro.

Ich kann aus eigener und mehr als positiver Erfahrung sagen: Es ist kein Irrtum. Wer ein Puli hat, "braucht" kein anderes mehr. Hinsichtlich Verarbeitungsqualität und Gebrauchswert spielt es in der oberen Liga. Es gibt vier, fünf verschiedene Ausführungen, Holz- oder Horngriffe, und inzwischen tatsächlich vier verschiedene Stahlsorten, zwei davon nur auf Anfrage. Als ich meines gekauft hatte, gab es nur einen Stahl, nämlich den guten, alten 440C. Von wegen Kydex, Micarta, G10 und Sandwichstahl.

So kam es dann auch überraschend schnell an, mein Puli B1, mit klassischem Horngriff, kräftigem Parierelement, einer bombenfesten Lederscheide und einer Qualität, die sich von und zu schreibt. Es liegt keine Angeberei darin, wenn ich sage, dass ich persönlich kaum ein vergleichbar durchdachtes und gefertigtes Jagdmesser bis zum mittleren dreistelligen Eurobereich gesehen habe. Der Mann, der die Messer in Ungarn macht, tut das den Angaben der Webseite zufolge seit etwa 50 Jahren. Ich glaube das. Wenn er jede seiner Klingen so poliert hat wie meine, kann er eigentlich nicht mehr viel von seinen Fingern übrig haben. Ich erinnere mich noch gut, wie ich beim neudeutschen Unboxing die Schärfe der Klinge testete und vor mich hinmurmelte: "Alter Schwede..." Mit einem Streich war eine etwa 4 x 10 cm große Fläche auf meinem Unterarm enthaart wie nach einem professionellen Waxing.

Inzwischen, etwa drei Jahre später, wurden mit dem Messer gute 100 Stück Schalenwild aufgebrochen. Kitze, Keiler, Hirsche. Die Brotzeiten, die damit vertilgt wurden, würden für ein mittelgroßes Dorffest reichen. Die Pflege bestand und besteht im Wesentlichen darin, es nach dem Vesper an der Hose abzuwischen oder nach dem Aufbrechen mit klarem Wasser abzuspülen. Wer jetzt meint, es schneidet wie am ersten Tag, den muss ich auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Es ist immer noch ein Messer und unterliegt bei regelmäßigem Gebrauch im und um den Jagdbetrieb einem naturgegebenen Verschleiß. Ist schließlich kein Lichtschwert. Aber: Es schneidet immer noch wirklich gut und öffnet jeden Brustkorb mit ein, zwei kräftigen Rucken. Mit ein Grund für diese hervorragende Schnitthaltigkeit ist der ballige Schliff der Schneide, die auch gleich zum einzigen "Nachteil" führt: Diese besondere und sehr aufwändig zu fertigende Schneidengeometrie kann man mit den üblichen Mitteln nicht einfach selbst nachschärfen, aus dem Handgelenk schon dreimal nicht. Also, man kann schon, aber dann hat man eben keine ballige und polierte Schneide mehr. Das bleibt dem Anwender dann selbst überlassen.

Ich persönlich werde mein Exemplar im Anschluss an die diesjährige Drückjagdsaison nach Ungarn zum Nachschärfen schicken, und ich bin überzeugt, dass ich bei der anschließenden Schärfeprüfung wieder murmeln werde: Alter Schwede...

Das Ende vom Lied: Wer ein qualitativ hervorragendes, schmuckloses Gebrauchsmesser möchte und etwas Geld übrig hat, kann bei Puli ohne Bedenken zugreifen. Verlinken werde ich hier nichts, googeln kann jeder selbst. Es werden vielleicht die am besten investierten 130 Euro des Jägerlebens sein. Bei mir war es so.

Abschließend noch die harten Fakten zum Puli B1 mit Hirschhorngriff: Gesamtlänge 22,5 cm, Klingenlänge 11 cm, Klingenstärke 3,8 – 4 mm, rostfreier Stahl 440C, Handarbeit, balliger Schliff, Vollintegralbauweise. Aktueller Preis inkl. Lederscheide und Versand 130,- Euro, ausschließlich zu beziehen im Internet.

Es grüßt und wünscht euch Waidmannsheil,

Euer Schnucki

Kommentare

Moritz Maximilian Mpunkt

Super interessant, da ich mir bald ein neues Jagdmesser zulegen will. Geplant war eigentlich das Fällkniven f1, aber das hier vorgestellte ist doch auch eine Überlegung wert.
Danke für den Bericht

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